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Beobachten in La Silla – ein Logbuch

Das Klischee, dass ein Astronom all seine Zeit mit dem Auge am Teleskop verbringt und so zum Himmel hoch blickt, ist längst überholt. Den grössten Teil des Forscherlebens verbringen Astronomen heute am Computerbildschirm. Es gibt aber immer noch Zeiten, zu denen sie zur Beobachtung an entlegene Ort reisen, zum Beispiel nach La Silla in Chile, zum ersten Observatorium der Europäischen Südsternwarte ESO, das vor mehr als 50 Jahren gebaut wurde. Mit diesem Logbuch können Sie eine solche Beobachtungsphase, “Observing Run”, genannt verfolgen. Sie erfahren, was wir machen, was wir benutzen, wie es funktioniert …  und etwas über das Leben in Chile.

Vielleicht haben Sie dieses Abenteuer bereits auf der PlanetS-Facebook-Seite verfolgt. Hier gibt es aber noch mehr Bilder und Informationen!

Tag #1 von “La Silla Observing Run”
Heute ist der 21. August und ich, Thibaut Roger, beginne eine Reise nach Chile, wo ich mit dem Schweizer Teleskop in La Silla Sterne beobachten werde. Das Gepäck ist bereit, und ich nehme das Flugzeug von Genf nach Santiago de Chile. Es gibt keinen Direktflug, deshalb muss ich zuerst nach Paris und dann nach Chile fliegen. Der Flug von Kontinent zu Kontinent dauert  ~14/15 Stunden, glücklicherweise zum Teil während der Nacht, wenn man während des Fluges schlafen kann.

In Chile angekommen und nach einigen Schwierigkeiten wegen meines beschädigten Gepäcks, passiere ich die Zollkontrolle. Chile schützt seine Umwelt, deshalb darf man viele Dinge nicht ins Land bringen, zum Beispiel Käse oder Fleisch. Kleine Ausnahme bei Käse: Man darf, wenn er pasteurisiert ist.

Am Flughafen wartet ein Taxi für mich, das mich zum ESO-Gästehaus bringt. Hier werde ich zwei Nächte bleiben.

Tag #4 von “La Silla Observing Run”
In Santiago war ich im ESO Gästehaus. Hier können sich die Astronomen zwischen verschiedenen Flügen ausruhen. Es ist aber auch ein ausgezeichneter Ort, um andere Astronomen zu treffen und Diskussionen zu beginnen! Normalerweise bleiben die Leute dort nur eine Nacht, um sich vom langen Flug zu erholen, aber ich musste andere Leute treffen, deshalb blieb ich eine zusätzliche Nacht. Am 24. August, verliess ich Santiago. Der Flug nach La Serena dauerte eine Stunde, die Busreise nach La Silla drei Stunden. Hier werden am 26. meine Beobachtungen beginnen. Nach La Silla führt keine öffentliche Buslinie. Sie gehört der ESO und holt jeweils Astronomen am Flughafen von La Serena ab und transportiert die Angestellten von La Silla hinauf und hinunter.

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Tag #5 von “La Silla Observing Run”
Es ist der 25. und ich habe meine erste Nacht im Observatorium hinter mir, was ziemlich anstrengend war. Ich bin zwei Tage vor meinem “Observing Run” eingetroffen, um mich an das spezielle Leben hier oben zu gewöhnen: Arbeiten in der Nacht, schlafen am Tag. So kann auch Hugh, mein Vorgänger hier, mich über das Neueste von Euler, dem Schweizer Teleskop in La Silla, informieren. Euler hat einen Spiegeldurchmesser von 1.2 Meter und ist mit drei Instrumenten ausgerüstet: PISCO, EulerCam and CORALIE. Mehr Details darüber erfahren Sie später.

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Tag #8 von “La Silla Observing Run”
In den letzten zwei Nächten hatte es viele Wolken. Es gab zwar wunderbare Sonnenuntergänge, aber man konnte keine Sterne beobachten. Das gibt mir Gelegenheit zu erklären, welche Rolle der beobachtende Astronom spielt. In La Silla muss man mit dem Wetter rechnen: Zuviel Feuchtigkeit, aufziehender Regen…oder manchmal sogar Schnee (wie man auf den nächsten Bergen sieht). Dann kann man nicht beobachten. Aber es gibt andere, fragliche Situationen, in denen man Entscheide treffen muss, beispielsweise bei Wind. Dann muss man auf der Seite beobachten, die dem  Wind abgewandt ist, oder man muss die Kuppel schliessen, wenn es zuviel Wind hat. Von unserer Entscheidung hängt ab, ob man gute oder schlechte Daten hat, vor allem wenn der Himmel teilweise mit dünnen Wolken bedeckt ist. Ein Instrument, mit dem man das Licht, das man von einem Stern erhält, vergleichen kann mit dem erwarteten Wert, hilft jeweils hoffentlich bei diesen Entscheiden.

PS : Heute haben wir einen Fuchs gesehen! Obwohl wir in der Wüste sind, gibt es hier Leben, darunter Raubvögel wie der Habicht oder der Kondor, Nagetiere wie die Maus oder das Viscacha (eine Mischung aus Kaninchen und Eichhörnchen), Esel, Lama und Fuchs…und natürlich Insekten wie Spinnen oder Vinchuca.

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Tag #10 von “La Silla Observing Run”
Es wird Zeit, zu erzählen, was ich hier benutze. Euler, das 1,2-Meter-Teleskop, habe ich schon erwähnt und dass es drei Instrumente hat. Am meisten gebraucht wird  CORALIE (kein Bild), ein Spektrograph. Die kleine Schwester von HARPS oder ESPRESSO erlaubt uns, die “Farbe” eines Sterns zu sehen. Wir benutzen es als eine Art Radar, um herauszufinden, wie die Sterne sich in Bezug zu uns bewegen. So können wir sagen, ob ein Stern einen Exoplaneten beherbergt oder nicht. Dann haben wir EulerCam, die grosse Box unter dem Teleskop. Dabei handelt es sich eigentlich um eine grosse Kamera für die Photometrie. Damit untersuchen wir Veränderungen der Helligkeit von Sternen. Auf dem Gebiet der Exoplaneten brauchen wir sie, um Transite zu beobachten, das heisst, wenn ein Exoplanet vor seinem Mutterstern vorbeizieht. EulerCam kann verschiedene Farbfilter benutzen, um verschiedene Sterntypen zu beobachten. Die beiden Instrumente können nicht gleichzeitig benutzt werden. Deshalb haben wir auch eine kleinere Kamera namens PISCO (das schwarze Ding an der Teleskopseite), die man parallel zu CORALIE betreiben kann.

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Tag #11 von “La Silla Observing Run” (eigentlich der neunte)
Wenn das Wetter gut ist, besteht die Arbeit manchmal nur darin, zu überwachen, dass alles nach Plan läuft – da bleibt nicht viel zu tun. Gelegenheit mit einem anderen PlanetS-Mitglied Musik zu machen: mit François, der die letzte Nacht mit HARPS beobachtet. Er wechselte vom Schlagzeug, das er normalerweise in der Musikgruppe des Genfer Observatoriums spielt, zum Piano, während ich meine Trompete mitbrachte. Ja, das ist auch La Silla, ein paar gesellschaftliche Anlässe! Ein anderer traditioneller Anlass besteht darin, dass die Schweizer Astronomen Fondue-Käse mitbringen, den sie mit den anderen Astronomen jeweils teilen.

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Wenn das Wetter nicht gut ist, kann es vorkommen, dass wir das Beobachtungsprogramm längerfristig anpassen müssen. Vor Einbruch der Nacht bereiten wir eine Liste von Beobachtungszielen vor. Es gibt mehrere Beobachtungsprogramme am Schweizer Teleskop. Daraus müssen wir Ziele auswählen, die möglichst gut zu den Bedingungen passen punkto Stellung zum Mond, Ort am Himmel (um zu viel Atmosphäre zu vermeiden), beste Beobachtungszeit (einige Ziele benötigen ein genaues Timing, wir nennen sie “Time Critical Observations”). Zudem müssen wir aufpassen, dass jedes Programm erhält, was es braucht in Bezug auf Wetterbedingungen oder Beobachtungsdauer. Wenn es Wolken hat, müssen wir das ganze, vorgesehene Programm ändern!

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Tag #14 von “La Silla Observing Run”
Gestern und heute hatte ich Gelegenheit, einige der anderen Teleskope in La Silla zu besuchen. Zuerst das 3.6-Meter-Teleskop, das der ESO gehört und in dem sich das von Genf konstruierte HARPS befindet. Das 3.6-Meter-Teleskop ist das grösste in La Silla, und wenn es auch grössere Teleskope gibt, so beeindrucken seine Ausmasse dennoch. In Zukunft soll es aufgerüstet werden mit NIRPS und adaptiver Optik. Dann konnte ich das 2.2-Meter-Teleskop besuchen dank Tassilo aus Garching. Es gibt noch ein paar andere Telescope in La Silla, die in Betrieb sind. Wir haben REM und TAROT, leicht zu erkennen aufgrund der Form ihres Gebäudes, das dänische Teleskop mit einem Durchmesser von 1.54 Meter und drei kleine Kugeln von ExTrA (noch nicht in Betrieb) und schliesslich das NTT, das New Technology Telescope, das man an seiner quadratischen Kuppel erkennt, die ich leider nicht von innen anschauen konnte. Auf Übersichtsaufnahmen sieht man noch mehr Kuppeln als ich hier erwähnt habe, sowie eine grosse Antenne. Viele der kleinen Teleskope sind nicht mehr in Betrieb.

Letzter Tag von “La Silla Observing Run”
Nach 14 Tagen beobachten, verlasse ich La Silla. Gemäss ESO-Regeln darf ich nicht länger bleiben. Da ist die Höhe mit einem geringeren Luftdruck (3/4 des Drucks auf Meereshöhe) und weniger Sauerstoff. Zudem ist es wirklich trocken, nachts sinkt die Feuchtigkeit auf 2%, was man beim Atmen fühlt. Diese zwei Dinge ermöglichen unter anderen bessere Beobachtungen (beide sorgen dafür, dass die Bilder weniger verschwommen sind aufgrund der Atmosphäre), doch sie machen auch das Leben schwer. Dies sind nur zwei von mehreren Gründen, warum wir nicht länger als zwei Wochen am Stück hier sein dürfen. Zudem arbeiten wir während langen Nächten (die Vorbereitungen zu dieser Jahreszeit beginnen abends zwischen 5 und 6 und die Nacht mit den dazugehörigen Aktivitäten endet morgens um 8). Und wir haben keine freien Wochenenden. Die Astronomen sind nur kurz hier, aber einige Angestellte sind immer da, zum Beispiel die Köche, welche die Mahlzeiten zubereiten, die Tag und Nacht für die Astronomen bereit stehen. Das permanente Personal macht entweder Wochenschichten von Donnerstag zu Donnerstag, oder es geht hinunter nach La Serena fürs Wochenende.

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Das Leben in La Silla ist speziell. Es fühlt sich an, wie nicht von dieser Welt. Gutes Beispiel: Das Konzept der Tage ist relativ. Wir wissen zwar, dass wir den 21. oder 22. des Monats haben, aber wir vergessen schnell, welcher Wochentag es ist. Auf dem Berg braucht man kein Geld, ESO kommt für Unterkunft und Verpflegung auf. Und für nichts Anderes könnte man Geld ausgeben, da wir auf einem sehr abgelegenen Berg wohnen. Ja, das Leben hier ist definitiv speziell.

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Dieses Logbuch endet hier. Nach dem letzten Tag gehen wir normalerweise hinunter nach La Serena, um von dort nach Santiago zu fliegen, wo man jeweils spät ankommt und wiederum eine Nacht im Gästehaus verbringt, bevor man nach Europa zurückkehrt. Ich habe etwas anderes gemacht und die Gelegenheit ergriffen, in den Norden von Chile zu reisen. Dort konnte ich gute Erfahrungen in Astronomie sammeln und hatte die einzigartige Gelegenheit ALMA mit seinen Antennen auf einer Höhe von 5100 Meter zu besichtigen.

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Zum Schluss lasse ich Sie die folgenden Bilder betrachten, die ich bei Sonnenaufgang nach meiner letzten Beobachtungsnacht gemacht habe.

Wie Steuerzahler profitieren
Space Trip auf dem Gornergrat
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