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«Die beiden leben jetzt auf einem anderen Planeten»

Der diesjährige Physiknobelpreis für die Schweizer Astronomen Michel Mayor und Didier Queloz freut Willy Benz besonders. Er war Michel Mayors erster Doktorand an der Universität Genf. Heute ist er Professor an der Universität Bern, Direktor des Nationalen Forschungsschwerpunkts PlanetS und Präsident des Rats der Europäischen Südsternwarte ESO.

Willy Benz, Direktor des Nationalen Forschungsschwerpunkts PlanetS. (Bild: Alessandro Della Bella)

PlanetS: Wie haben Sie erfahren, dass Ihre Kollegen und Freunde Michel Mayor und Didier Queloz mit dem Nobelpreis geehrt werden?
Willy Benz: Ich war an einer Sitzung des ESO-Rats bei München und völlig überrascht, als die deutsche Ratsdelegierte die Nachricht verbreitete. Michel Mayor und Didier Queloz figurierten zwar schon seit Jahren auf der Liste der Nobelpreisanwärter, doch ich hatte die Hoffnung schon etwas verloren, dass es je klappen würde. Dieses Jahr vergass ich sogar das Datum der Bekanntgabe der Preisträger. Natürlich war es eine tolle Überraschung, und als Ratspräsident habe ich eine kurze Mitteilung über die Entdeckung und die Tatsache gemacht, dass Michel Mayor viele Jahre lang der wissenschaftliche Delegierte der Schweiz im Rat war. Später, beim Abendessen, haben wir auf die Nobelpreisträger angestossen.

Beide Nobelpreisträger sind mit der ESO verbunden. Und es gibt auch eine Zusammenarbeit zwischen den Universitäten Genf und Bern.
Michel Mayor hat Instrumente für die ESO gebaut. Das berühmteste davon heisst HARPS, ein hochpräziser Spektrograph, der seit 2003 in La Silla in Chile in Betrieb ist. Am Bau von HARPS war auch die Universität Bern beteiligt. Wir haben damals hier in Bern einen Teil innerhalb der Optik gefertigt. Das war eine erste Zusammenarbeit zwischen den Universitäten Genf und Bern auf diesem Gebiet. Danach folgten weitere Instrumente und der Nationale Forschungsschwerpunkt.

Als Doktorand von Michel Mayor arbeiteten Sie mit seinen beiden ersten Instrumenten in Südfrankreich und Chile. Wie haben Sie damals ihren Doktorvater erlebt?
Er war ein ausgezeichneter Lehrer und ich habe zu ihm aufgeschaut. Von ihm habe ich gelernt, wie man Forschung betreibt. Er benutzte mich nie als Messknecht, um das zu tun, was er nicht gerne machte, es bestand wirklich ein Teamgeist und er gab mir viel Freiheit. Später versuchte ich, mich bei meinen eigenen Doktoranden genauso zu verhalten. Michel Mayor ist ein herausragender Physiker und konnte mir dank seiner Erfahrung immer helfen, auch wenn es nicht um sein Spezialgebiet ging. Er war stur bei der Qualitätskontrolle, aber sonst eine aussergewöhnlich offene und freundliche Person.

Sie haben auch in der Freizeit viel zusammen unternommen. Erinnern Sie sich an ein spezielles Erlebnis?
Wir waren oft für unsere Beobachtungen in Südamerika. Einmal machten wir gemeinsam mit unseren Ehefrauen ein paar Wochen Ferien in Peru. Auf dem Weg zum Machu Picchu campierten wir und kochten jeweils am Abend am Lagerfeuer Suppe. Doch das Wetter war so schlecht, dass wir völlig durchnässt und durchfroren ankamen. Das einzige trockene Kleidungsstück, das Michel noch hatte, war sein Pyjama, und so reiste er in seinem Pyjama im Zug zurück nach Cusco. Leider konnte ich kein Foto finden….

1995 hatten Sie eine Professur an der Universität von Arizona in den USA, kamen aber im Sommer zu Besuch an die Universität Genf. Erfuhren Sie damals noch vor der offiziellen Bekanntgabe von der Entdeckung des ersten Exoplaneten bei einem sonnenähnlichen Stern?
Michel Mayor bat mich in sein Büro, zeigte mir ein Diagramm und sagte: «Für mich ist das ein Planet. Was denkst Du?» Meine unmittelbare Antwort war: «Nein, niemals.» Ein Planet halb so gross wie Jupiter konnte einfach nicht so nahe bei seinem Stern sein, dass er diesen in nur vier Tagen umkreiste. Dort wäre es viel zu heiss. Ich bot Michel an, einen Kollegen in Arizona anzufragen, der Berechnungen zur Stabilität solcher Himmelskörper durchführen konnte. «Frag, aber sag nichts», meinte Michel. Die Berechnungen zeigten, dass ein solcher Planet entgegen meinen Erwartungen so nahe beim Stern überleben konnte, doch der Kollege war misstrauisch geworden, und als er erfuhr, dass die Genfer Astronomen an einer Konferenz in Florenz eine Mitteilung machen wollten, wusste er, dass etwas Wichtiges bevorstand.

Willy Benz (links) im Gespräch mit Michel Mayor (rechts) an der Generalversammlung des Nationalen Forschungsschwerpunkts PlanetS. (Bild: Sylviane Blum)

Was denken Sie, was ist das Erfolgsgeheimnis für den Nobelpreis?
Man könnte meinen, dass es einfach Glück ist: Man nimmt ein Teleskop, schaut einen Stern an und schon ist die Entdeckung gemacht. In diesem Fall war es das pure Gegenteil, also überhaupt kein Zufall. Michel Mayor hat über Jahre hinweg mit grosser Hartnäckigkeit und Sorgfalt eine Messtechnik entwickelt, um die Bewegung von Sternen zu bestimmen. Bei seinem ersten Instrument, CORAVEL, mit dem ich arbeitete, betrug die Messgenauigkeit einige Kilometer pro Sekunde. Das Instrument ELODIE, mit dem 1995 die Entdeckung des Exoplaneten 51 Pegb gelang, hatte eine Genauigkeit von 10 Meter pro Sekunde, HARPS brachte diese auf 1 Meter pro Sekunde, und das neueste Instrument der Familie, ESPRESSO beim VLT in Chile, bringt es heute auf 10 Zentimeter pro Sekunde.

Wie Sie war Didier Queloz einige Jahre später Michel Mayors Doktorand. Was war seine Aufgabe?
Das Team war damals sehr klein und so erledigte Didier viele Dinge, aber vor allem war es seine Aufgabe, die richtige Software zu entwickeln, um das ELODIE-Instrument zu steuern und dessen Messungen aufzuzeichnen. Natürlich hat er damit auch Messungen am Observatorium Haute-Provence in Südfrankreich durchgeführt. Im Gegensatz zu den amerikanischen Konkurrenten erhielten die Schweizer unmittelbar nach jeder Messung jeweils eine erste Auswertung der Geschwindigkeit des Sterns. Als sie einen Stern sahen, dessen Geschwindigkeit sich von einer Nacht zur anderen änderte, war klar, dass da etwas los war und sie beobachteten den Stern weiter. Auch später war Didier als Spitzenwissenschaftler weiterhin aktiv an der Entwicklung von Instrumenten zur Erforschung von Exoplaneten beteiligt.

Was bedeutet dieser Nobelpreis für den Nationalen Forschungsschwerpunkt PlanetS?
Es ist eine Anerkennung für die Relevanz des Forschungsgebiets. Damit hat die Exoplanetenforschung endgültig den Stempel «wichtig» erhalten. Die Auswirkungen der Entdeckung von Michel Mayor und Didier Queloz waren riesig. Es entstanden weltweit Instrumente, Teleskope, Forschungsteams und ganze Zentren, deren wissenschaftliches Thema die Planetenforschung ist. PlanetS würde nicht existieren ohne diese Entdeckung. Michel Mayor ist Mitglied unseres Beirats, Didier Queloz ist Vorsitzender des Wissenschaftsteams der Mission CHEOPS. Ihr Nobelpreis gibt uns noch mehr Gewicht. Das internationale Ansehen der Schweizer Planetologen wird sicherlich noch weiter steigen.
Aber auch für die Schweiz ist die Auszeichnung ein Beweis, dass unser Bildungssystem gut funktioniert. Denn die beiden sind Schweizer, haben hier die Schule besucht und studiert und mussten nicht ins Ausland gehen, um ihre Forschung machen zu können. Denn die Förderung der Wissenschaft ermöglicht hier auch Entwicklungen, die Jahre benötigen, um Früchte zu tragen.

Wird sich für Michel Mayor und Didier Queloz etwas ändern?
Die beiden leben jetzt auf einem anderen Planeten. Sie spielen nun in der Champions-League und werden für eine Weile mit Medienanfragen ziemlich beschäftigt sein. Das einzige, was mich ein wenig nervös macht, ist die Frage, ob Didier Queloz noch genügend Zeit haben wird, um sich um CHEOPS zu kümmern. Wir brauchen ihn dringend!

Künstlerische Darstellung des Exoplaneten 51 Peg b. (Bild: ESO/M. Kornmesser/Nick Risinger (skysurvey.org))

Categories: 20th anniversary, News

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