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“Als Kind wollte ich Astronautin werden”

Hilke Schlichting, Professorin am MIT in Bosten und an der UC Los Angeles, hat als Gastwissenschaftlerin im September 2016 für zwei Wochen den NFS PlanetS besucht. Das GastwissenschaftlerInnen-Programm des NFS lädt regelmässig prominente Forschende ein, die Kurse und Seminare veranstalten und ihre Erfahrungen mit PlanetS-Nachwuchsforschenden teilen. Hilke Schlichtings Forschungsinteressen umfassen alle Aspekte der Theorien zur Planetenentstehung, Exoplaneten und des Sonnensystems.

Hilke Schlichting (Foto Nadine Afram)

Hilke Schlichting. (Foto Nadine Afram)

PlanetS: Gefällt Ihnen der Aufenthalt in der Schweiz?
Hilke Schlichting: Ja, sehr.

Was hat Sie dazu bewogen, der Einladung, PlanetS als Gastwissenschaftlerin zu besuchen, zu folgen?
Ich war neugierig, wie die Planeten- und Exoplanetenforschung in der Schweiz aussieht, und wollte von meinen Kolleginnen und Kollegen hören, welche Richtung ihre Forschung zukünftig nehmen wird, auch hinsichtlich der Raumfahrtprogramme. Auch das akademische System der Schweiz und seine Strukturen wollte ich kennen lernen.

Sehen Sie hier Unterschiede zu dem, wie in den USA geforscht wird?
In der Schweiz scheinen die Forschergruppen deutlich grösser zu sein, jeder Professor hat mehr Doktorierende und Postdoktorierende (v.a. in den theoretischen Bereichen). Auch die Art der Forschung unterscheidet sich zumindest von den Hochschulen, an denen ich tätig war. An CalTech, MIT und UCLA werden bei Forschungsfragen die Schwerpunkte auf Analyse und Grundlagenphysik gelegt, während in der Schweiz grosse numerische Simulationen im Mittelpunkt stehen.
Was die akademischen Karrieren anbetrifft, so haben wir in den USA klar definierte Karrierepfade: Wenn Du Postdoc warst, bekommst Du eine Assistenzprofessur, und nach fünf bis sieben Jahren wirst Du befördert und erhältst eine Assoziierte Professur mit Tenure, was bedeutet, dass Deine Stelle permanent ist. Der schwierigste Schritt ist der vom Postdoc zur Assistenzprofessur, da eben die meisten AssistenzprofessorInnen früher oder später verstetigt werden und die Universitäten nur so viele AssistenzprofessorInnen anstellen, wie sie Dauerstellen haben.

Erzählen Sie uns doch etwas über sich. Wollten Sie schon immer Professorin werden?
Ja, das war immer mein Traum! Ganz früher, als Kind, wollte ich Astronautin werden, denn das Weltall hat mich schon damals fasziniert, und in Mathematik und Physik war ich auch gut. Als ich als Teenager mit meiner Familie nach Japan zog, lernte ich begeistert über die japanische Kultur und den Lebensstil der Japaner; und da beschloss ich, dass ich in einem internationalen Umfeld arbeiten wollte. Also ist die Arbeit an Universitäten für mich wirklich perfekt – ich habe das ganze Paket aus Physik, Unterrichten und internationalem Umfeld. Ich glaube, ich habe grosses Glück, dass ich in meiner Arbeit täglich neue Dinge lernen und durch die Welt reisen kann.

Hatten Sie irgendwann in Ihrer Karriere mal das Gefühl, dass Sie benachteiligt wurden, weil Sie eine Frau sind?
Nein. Aber ich habe einen Unterschied gemerkt, als ich von Deutschland nach Grossbritannien ging. In Deutschland hatte ich einige Kommentare von Lehrern gehört (etwa „Mädchen können keine Mathematik“, usw.), wohingegen die Schulen in Grossbritannien in grossem Konkurrenzkampf untereinander stehen und die Leistungen ihrer Schülerinnen und Schüler hierbei eine Rolle spielen. So kam es, dass ich auf dem englischen Gymnasium wahnsinnig gefördert wurde, was natürlich grossartig war. Die Schule war ganz stolz auf meine Leistungen sowie darauf, dass ich anschliessend nach Cambridge gehen konnte. Es war herrlich, in Cambridge studieren zu können, das war immer mein Traum gewesen, dort Physik zu studieren. Am Ende zählte allerdings auch nur, was man akademisch erreicht hatte.

Wie wichtig sind akademisch tätige Frauen als Vorbilder für junge Wissenschaftlerinnen?
Als ich in Cambridge studierte, hatte ich keine einzige Professorin. Erst als ich als Undergraduate für einen Forschungsaufenthalt ans CalTech in die USA kam, habe ich bei einem Vortrag erstmals eine Professorin für Astrophysik kennen gelernt. Sie beeindruckte mich; es war wichtig für mich zu sehen, dass es in der Astrophysik Professorinnen gibt, und ich dachte: Ja, das kannst Du auch schaffen! Ich glaube, das hat auch eine Rolle gespielt, als ich mich entschied, mein Studium in den USA fortzusetzen – mein Eindruck war, dass ich als Frau in den USA grössere Chancen auf eine akademische Karriere haben würde als in Europa

Wie gewannen Sie diesen Eindruck?
In Deutschland (wo ich ursprünglich herkomme) scheint es viele Erwartungen seitens der Gesellschaft zu geben, was Du als Frau tun oder nicht tun solltest. Als ich noch jünger war, sagte man mir bspw., dass es mich als Frau unattraktiv machen würde, wenn ich in Mathematik und Physik so gut sei, da ich dann irgendwie männlich wirken würde. Ein Mensch, den ich nicht einmal kannte, sagte mir, ich würde nur Zeit verschwenden – das Hirn einer Frau sei einfach nicht gemacht für logisches Denken. Und vor nicht einmal einem Jahr sagte mir ein Kollege, nachdem ich in Deutschland einen Vortrag gehalten hatte, es sei ja ganz schön, dass ich jetzt Professorin bin, aber nun solle ich unbedingt Kinder bekommen. Ich bin hundertprozentig sicher, dass er das nie gesagt hätte, wenn ich ein Mann wäre. In den USA passiert so etwas nicht. Teilweise wahrscheinlich, weil die Menschen dort viel mehr auf Political Correctness achten; v.a. aber, weil einfach das Glück des Individuums mehr zählt als das Glück einer Gruppe oder Gesellschaft, und weil es generell bewundert wird, wenn man erfolgreich ist. Ich habe das Gefühl, dass es in den USA überhaupt keine Rolle spielt, dass ich eine Frau bin. Ich fühle mich von allen meinen Kollegen akzeptiert und geschätzt, und manchmal vergesse ich auf eine Art sogar, dass zwischen (den meisten von) uns überhaupt eine Geschlechterdifferenz existiert, da ich uns in erster Linie alle als WissenschaftlerInnen sehe.

Sie sind eine erfahrene Rednerin – wie gehen Sie mit der Nervosität vor einem Vortrag um?
Haltet so viele Vorträge wie möglich, und übt sie vorher gut – das ist mein Rat. Je mehr Vorträge man hält, desto weniger können einen die gefürchteten „unerwarteten” Fragen treffen, denn sie werden so weniger und weniger. Und wenn dann doch einmal eine Antwort fehlen sollte, dann gebt das zu, und denkt Euch nicht irgendetwas aus.

Gibt es einen Rat, den Sie jungen Forscherinnen geben können?
Versucht nicht, die Männer nachzuahmen! Habt Euren eigenen Stil, sucht Euren Weg und kämpft für Eure Ideen! Man muss nicht zwingend so sein wie die Mehrheit, um Erfolg zu haben. Es gibt nicht EIN Erfolgsrezept für alles – das ist doch das Tolle! Und etwas ist auch wichtig in der Wissenschaft: Vielfalt! Es ist so bereichernd und wertvoll, unterschiedliche Leute zu haben, die die Dinge unterschiedlich angehen, mit unterschiedlichen Eigenschaften und Hintergründen.

Welchen Nutzen bringt Ihnen der Besuch bei PlanetS? Wird es Kooperationen geben?
Ja, Kooperationen sind möglich, ebenso weitere Besuche. Nach den verschiedenen Diskussionen und dem Ideenaustausch mit ProfessorInnen, PostDocs und Doktorierenden wird es auf jeden Fall weitergehen. Es war sehr spannend, hierher zu kommen und die neuen Projekte und die Forschung, die hier gemacht wird, kennen zu lernen, sowie etwas über neue Methoden und Werkzeuge und deren Anwendung auf andere wissenschaftliche Probleme zu erfahren.

Was ist Ihnen hier bei uns besonders aufgefallen?
Ich fand es toll, dass so viele Leute bei PlanetS arbeiten und aus ganz verschiedenen Blickwinkeln und an verschiedenen Instituten forschen; die Forschung ist breit aufgestellt, und es ist ein starkes Team. Interessant war, dass es bei Euch einen beträchtllichen Anteil (soweit ich es sehen konnte) an weiblichen Doktorierenden und PostDocs gibt, dass man aber besorgt darüber sei, dass sich dieser Wandel bis zur Professoratsstufe nur schwer durchhalten lasse.

Was empfehlen Sie uns für die nächsten GastwissenschaftlerInnen?
Mein Aufenthalt war toll organisiert, ich konnte die Unis Zürich und Bern und die ETH besuchen. Um etwas arbeiten und die Diskussionen und Veranstaltungen sacken lassen zu können, wäre ein zusätzlicher Tag an jeder der Stationen sicherlich nicht schlecht.

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